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16.4.1326

 


Bruder Egberts Ankunft in Kurland und der Bau der Fischteiche

Kiefern,  Heide, Wasser__ 

16.April 1326

Bei Sonnenaufgang ist Bruder Egbert schon auf. Bevor die Bauern mit Fuhrwerken und die Arbeiter mit ihren Schaufeln kommen um an dem zweiten Fischteich weiter zu graben und die Erde fortzufahren, will er alles nochmal genau vermessen, um dann um so besser die Arbeit einteilen zu können. Auch dieser Teich ist bald fertig. Tiefe, Einlauf und Auslauf stimmen, das Gefälle der Ufer muß an einigen Stellen die richtige Neigung bekommen und der Mönch fehlt auch noch. Beim Gedanken an den Mönch lächelt Bruder Egbert sanft. Vor vielen, vielen Jahren begannen Mönche mit der Teichwirtschaft. Besonders Karpfenteiche wurden angelegt. Karpfen brauchen nicht so schnell fließendes Wasser wie Forellen und geben eine gute Fastenspeise ab. Ein Teich mit Karpfen auf Ödland, das sonst keine Feldfrüchte trug, konnte von den Bauern leicht angelegt werden und trug viel zur Ernährung bei. Sie machten es den Mönchen - wie erwartet - auch bald nach, und nannten die neue Erfindung der Wasserstandsregelung, die eine solide Teichwirtschaft erst richtig möglich machte, aus Dankbarkeit dann Mönch. Neben diesem praktischen Grund war das alles eigentlich Ausdruck des Wunsches der Mönche nicht nur im Gebet, sondern auch im täglichen Leben so wirklich wie möglich in der Bibel zu leben. Die Speisung der Zehntausend mit den Fischen und dem Brot - indem das Kloster Lehrer und Erneuerer für Land, Teich und Waldwirtschaft wird, erfüllt es diese Aufgabe der Speisung.

Bruder Egbert dachte daran, wie er vor fast genau zwei Jahren in dem kleinen Fischerboot -  man nannte sie Snikken  - an der Küste dieses Landes angekommen war. Es war eine stürmische Reise gewesen. Fast einen Monat lang hatte er mit den Fischern zusammen in Frühjahrsstürmen mit gerefftem Segel gegen die Wellen gekämpft oder in Flautenzeiten sich die Hände schwielig gerudert. Von Stralsund aus waren sie immer an der Küste entlang gefahren bis der breite Strand von Kurland auftauchte. Das Boot lag tief im Wasser, weil die vielen offenen Fässer mit den Zuchtkarpfen schwer wogen. Das war auch der Grund für die Schiffsreise - über Land wären diese Fässer bei den schlechten Straßen nur mühsam zu transportieren gewesen.

Der Strand hatte eine Bucht gezeigt, wo ein Fluß den Sand weggeschwemmt hatte. Ein kleines Fischerdorf mit einem Frachtkai wo sie anlegen konnten, nahm sie auf. Von dort ging es per Fuhrwerk nach Osten bis bald Grobina erreicht wurde - ein geschäftiger Marktflecken und wichtige Station der Straße von Riga nach Westen. Dann weiter nach Norden, bis nach einer Tagesreise das Ziel, das Vorwerk der Ordensleute erreicht war. Der Orden hatte um Hilfe und Rat beim Aufbau einer Teichwirtschaft gebeten. Ein Bote war bei seinem Abt erschienen, da das Kloster wegen seiner Teiche berühmt war. Und der Abt hatte Egbert gerufen, Egbert, der ganz mit seinen Teichen lebte, und ihn nach Kurland geschickt.

Die Sonne war jetzt ganz aufgegangen. Die ersten Fuhrleute und Arbeiter kamen. Bald würde auch der zweite Teich fertig sein. Der erste konnte schon voriges Jahr gefüllt werden und schien gut besetzt zu sein. Zu Weihnachten würde es eine gute Ernte geben, und auch jetzt schon konnte ohne Gefahr für den Bestand regelmäßig reichlich gefischt werden. Der Himmel war mit einzelnen Wolken bedeckt. Auf und zwischen den Wolken zauberte die aufgehende Sonne ein solch prächtiges Farbenspiel wie er es in seiner Heimat nie gesehen hatte. Diese Eigenart Kurlands, das Wolken und Lichtspiel, aber auch die weiten Strände, tiefen Wälder, die Moore und Heiden, die Flüsse und sanften Hügel füllten seine Seele mit Freude und Dankbarkeit. Dankbarkeit, daß er, Egbert, den Auftrag erhalten hatte hierher zu kommen und in dieser Landschaft seine Teiche bauen durfte.

Da kam auch schon Liv, der Vormann der Arbeiter. Liv hatte in der Ordensschule deutsch gelernt und hatte ihm geholfen die hiesige Sprache zu meistern. Eine melodische Sprache, mit Worten, die keine Verwandtschaft zu den Sprachen der umliegenden Völker zu haben schien. Er hatte sich mit Liv befreundet und war dabei ihn in der Teichwirtschaft auszubilden. Liv hatte ihn auch am 23. Juni des letzten Jahres zum Johannesfest mitgenommen. Das wichtigste Fest der Menschen hier. Große Feuer gab es, Eichenkränze und volle Tische, und später Tanz und Musik. Zwischen dem Spiel der Instrumente wurde immer wieder gesungen. Kleine Vierzeiler von großer Melodik, und Texten voll Weisheit. Zu Ehren des Johannes das wichtigste Jahresfest zu feiern, des Johannes, der das zukünftige Christentum zeigt, war neu und schön.
 

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