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27.6.2031

 


Olaf beim Rübenhacken und die Schule der Geduld

Weites Land, Sommeregen__John Constable, Landscape 

27. Juni 2031

Es war ein heißer Tag. Die Sonne stand im Zenit und der Junge wartete sehnsüchtig auf die Mittagsglocke. Er war sechzehn Jahre alt und hockte ziemlich einsam in dem großen Rübenfeld. Vierzehn Tage schon hatte er in diesem Feld gehackt. Alle Kräuter und Gräser, die den Rüben Licht, Luft, Wasser und Nahrung streitig machen könnten, durften nicht weiter wachsen. Dafür zu sorgen war seine Aufgabe. Das hatte Jakob gesagt, als er ihm das Feld zeigte. Es hatte ihn kaum erschreckt, denn der Acker war nicht sehr breit. Rechts und links wuchsen Hecken, tief angelegt mit Büschen und Bäumen. Haselnuß, Weißdorn, Zidonie, Äpfel, Eberesche, Eiche, Buche, es sah bunt und friedlich aus. Vögel zwitscherten, und er wußte aus dem Naturunterricht, daß im Unterholz allerlei Getier lebte und wuselte. 

Jetzt war er verzweifelt und den Tränen nahe. Das Feld stieg leicht an, um dann über eine sanfte Hügelkuppe in der nächsten Senke zu verschwinden. An einem Tag schaffte er gerade eine Reihe hin und zurück. Das Kreuz tat ihm weh von Bücken, die Kehle war ausgetrocknet und am schlimmsten war die Einsamkeit, und die Hoffnungslosigkeit jemals fertig zu werden. Mit sechzehn hatte man noch keinen Plan der solche Ausdauer leicht hätte machen können. 

Wo war denn nur die Mittagsglocke. Oft kam er sich lächerlich vor wie der Hase in dem Märchen vom Hasen und Igel. Warum konnte er nicht mit dem Traktor die Rüben hacken. So wie er es schon als Zwölfjähriger gelernt hatte. Was sollte diese langsame Arbeit für einen Sinn haben. Nicht einmal fragen durfte er. Das war Teil dieser Aufgabe. Keine Fragen über die Arbeit. Aufstehen, zum Feld gehen, kurze Mittagspause, zum Feld gehen, Hacken, Essen und Schlafen und wieder Hacken, Essen und Schlafen. 

Gottseidank war der Boden recht locker. Es schien viele Regenwürmer zu geben. Manchmal, wenn ein besonders prächtiger Wurm nach der Hacke aus dem Boden kroch, hob er ihn auf und spielte mit ihm. Das hatte er auch schon gelernt, daß die Würmer den guten Humus machten. Je mehr Würmer, um so bessere Ernten. Eigentlich, wenn er recht erinnerte, schien es fast so, als ob es in dieser Schule wichtiger war das Land so zu behandeln, daß die Regenwürmer glücklich waren und sich vermehrten, wichtiger als die Behandlung der Pflanzen. Bei glücklichen Regenwürmern würden die Pflanzen schon gut gedeihen. Bevor er einen Wurm anfaßte, spuckte er in die Hände damit die zarte Haut nicht trocken wurde. Das schien ihnen zu gefallen. Jedenfalls machten sie die lustigsten Windungen, Achten und Kreise auf seiner Hand. Manchmal hatte er fast den Eindruck, als ob sie ihr Köpfchen zu ihm hoch streckten und ihn anschauten. Warum auch nicht. Er war hier draußen einsam und dies waren ja auch Lebewesen. Wenn man zu Pferden, Kühen, Hunden oder Schweinen Kontakt haben konnte, ging das hier sicher ebenfalls. Schweine waren auch nicht leicht zu verstehen. 

Am dritten Tag fing er an zu hoffen, daß die Würmer ihm nicht böse wären, weil er die Erde zerhackte. Um sie zu warnen, hatte er sich angewöhnt, vor jedem weiteren Schritt fest auf zu stampfen. Deswegen dauerte es auch alles länger. Jakob hatte das wohl bemerkt, aber nichts gesagt. 

Vor vier Tagen hatte er nachmittags frei gehabt. Alle zusammen hatten Holz für das Johannisfeuer gesammelt und aufgeschichtet. Diesmal hatte er bei dem Spiel nur zugesehen. Vor zwei Jahren durfte er mitspielen. Sogar den getreuen Johannes aus der Sage mit den Sieben Raben. Treu sein. Das war wichtig. Sonst war man allein. Treu der Arbeit, dem Lernen, den Wolken und dem Mond, den Freunden, und jetzt den Regenwürmern. Das mit den Würmern hatte er sich selbst ausgedacht. Über das andere hatte Jakob oft gesprochen. Früher hatte er Märchen erzählt und Sagen. Später dann aus dem Leben guter Menschen Beispiele gebracht. Oder auch Beispiele der Untreue und des Verrats. Das war immer scheußlich. Aber ohne ging es wohl nicht. Das war auch scheußlich. Wie Judas. Und andere Verräter. Wie sollte man den leben, wenn es immer wieder Böses gab? Wozu überhaupt erwachsen werden? Einer baut etwas auf, der andere neidet es und macht es kaputt. 

Warum gab es nicht nur liebe Menschen? Wo bleibt nur die Mittagsglocke? Vielleicht stand die Sonne doch noch nicht im Zenit? Mit dem nautischen Besteck aus dem Matheunterricht könnte er das jetzt nachprüfen. Das war schön gewesen, plötzlich zu begreifen, wo man auf der runden Erde stand. Nur mit der Uhr und dem Winkelmessen. 

Wie machte Jakob das nur. Der war eigentlich immer fröhlich und freundlich. Selbst wenn er streng war und auch schon mal richtig zornig, wenn die Klasse zu wild war. Böse war er nie. Vielleicht sollte man einfach Kind bleiben. Aber das ging auch nicht, besonders wenn er an Elisabeth dachte. Er mochte sie, und einmal hatte sie zu ihm gesagt: 'Olaf, zeig' mir doch bitte wie man den Großkreis ausrechnet. Ich versteh' das nicht.' Seither hatten sie sich öfter getroffen und waren gern beisammen. 

Vielleicht so halbe, halbe. Schon leben wie ein Erwachsener, aber eigentlich Kind bleiben. Immer lernen, fröhlich sein, andere fröhlich machen, nicht im Ernst streiten. Es gab schon genug Zeiten wo man traurig war. Und verzweifelt. Er hatte mal etwas von Weltschmerz gelesen. Das war es. Einfach traurig sein ohne richtigen Grund. Wo man lange einsame Spaziergänge im dämmernden Wald machen wollte. Oder mit zugeschnürter Brust das wechselnde Farbspiel des Morgenrots auf den Wolken aufsog. Aber traurig sein und verzweifelt, weil die Menschen sich gegenseitig Leid antaten, zerstörten, folterten, erschossen, traurig sein weil sie es immer getan hatten und auch jetzt nach so vielen Kriegen und Unglück nicht ließen, - wozu war das nötig? Das konnte er sich überhaupt nicht vorstellen. Fehler, ja, die hatte er auch schon gemacht. Und Andere verletzt. Es tat ihm Leid. Er dachte viel daran, wie er es besser machen könnte. Aber mit Absicht böse sein, etwas tun, wo man genau wußte wieviel Schmerz und Leid und Unglück es bringen würde, und das konnte jeder bei vielem was heute immer noch passierte genau sehen, so böse sein, - wie das möglich war schien ihm unbegreiflich. Er konnte sich auch mit bestem Willen und aller Vorstellung nicht in diese Handlungen hineinversetzen. Die Geschäfte mit Nahrung, die anderen Ländern den Hungertod brachten, die Waffen, die aus Männern, Frauen und Kindern Krüppel machten, die Frauen, die ihre Männer zur Verzweiflung trieben, die Männer, die ihre Frauen schlugen, die Mütter, die ihre Kinder ohne Liebe aufzogen. Etwas preßte sein Herz zusammen und er fühlte sich furchtbar verlassen.

Eine große Distel, die er mit der Hand ausgerupft hatte, ließ ein paar Stachel in seinen Fingern. Während er sie vorsichtig auszupfte, dachte er an Esel, von denen er gehört hatte, daß sie Disteln fressen. Wie die das machten, war ihm schleierhaft. Mund und Zunge mußten doch auch weich sein. Warum blieben da keine Stacheln hängen? Ob Esel auch Datteln fraßen? Auf der Flucht nach Ägypten wie in der Geschichte von Selma Lagerlöf? Er kannte das Neue Testament gut. Erst hatten die Lehrer immer wieder Geschichten daraus erzählt, später studierten die Größeren den Text im Unterricht. Auch schrecklich grausam. Nur zu ertragen durch die lichte Christusgestalt. Aber warum konnte das Licht nicht einfach Licht sein und brauchte immer wieder das Dunkel um scheinen zu können? Was war mit Judas? Man verabscheut ihn aber ohne ihn gab es die ganze Auferstehung nicht?

Am Himmel hörte er eine Schar Wildgänse auf der Suche nach einem Kornfeld. Wenn er jetzt Nils statt Olaf hieße könnte er vielleicht mitfliegen statt hier unten mit müden Knochen Distelstacheln aus zu ziehen. Und das ganze Feld mal auf einen Blick übersehen. Vielleicht sah es schön aus. Die vielen verschiedenen Grüns. Blaßgrün wo er angefangen hatte und die Kräuter schon weit verwelkt waren bis zum frischen Dunkel der noch stehenden Reihen. Was Goethe wohl dazu sagen würde. Im letzten Winter hatten sie die Farbenlehre durchgenommen. Mit Prismen alles untersucht. Hell über dunkel, dunkel über hell. Schöne Farbmuster in die Epochenhefte gemalt. Er hatte nicht alles verstanden, aber irgendein Problem war wohl mit dem Grün gewesen.

Er fing wieder an zu hacken. Aufstampfen wegen der Regenwürmer, hacken, Boden lockern rings um die Rübe, der nächste Schritt. Wo blieb nur die Mittagsglocke. Oder wenn wenigstens Jakob käme. Das wäre eine kleine Pause. Jakob kam nicht oft, aber immer gerade dann, wenn er kaum noch weiter konnte. Er erzählte dann alles über das eine oder andere Kraut. Wie es hieß, der lateinische Name, die Gattung, die Blütenfarbe, die Bedeutung in der Pflanzengemeinschaft auf dem Acker und in der Medizin oder der Nahrung für Tiere. Allerdings wurden die Abstände immer größer. Es schien so, als ob Jakob spürte, wieviel er noch aushalten konnte. Von Tag zu Tag ging es leichter. Müdigkeit, Langeweile, Frust, Verzweiflung kamen immer später. Eigentlich war er etwas stolz darauf, daß er jetzt ausdauernder diese Arbeit tun konnte. Er hatte gelernt. Lernen heißt, sich eine Fähigkeit aneignen. Er hatte etwas Ausdauer gelernt. Was heißt überhaupt Ausdauer. Was ist das wichtigste daran? Wo liegt der Kern? Plötzlich fühlte er was es war. Dasselbe was auch Jakob half immer freundlich zu sein. Und heiter. Es war Geduld. Geduld mit sich selber und den anderen. Geduld mit den Stunden und Tagen. Geduld mit den Pflanzen und Tieren. Geduld mit der heißen Sonne und Geduld mit dem triefenden Regen. Geduld mit dem Guten und Geduld mit dem Bösen. Kommt Zeit, kommt Rat. Die Eile ist vom Teufel. Eile mit Weile. Spinne am Abend, erquickend und labend. Nein das letzte Sprichwort paßte nicht. Aber egal. Endlich läutete die Mittagsglocke. Er säuberte die Hacke mit einem Grasbüschel und ging.

Am Rand des Ackers pflückte er schnell einen kleinen Strauß Kamille, die wie schützend die Rüben umsäumte. Der Feldweg schlängelte sich am Rand eines Baches nach Westen. Zwei Wagenspuren, in der Mitte Gras, Birken und Ebereschen, dazwischen Plätze mit Wiesenschaumkraut, Storchschnabel, Schachtelhalm, am Bach Weiden, die schon oft ihre Zweige dem Korbmacher geschenkt hatten. Er ging zügig, um nicht zu spät zum Mittagessen zu kommen. Er liebte den Bach. In der Freizeit kam er oft hierher um die Krebse und kleinen Fische zu beobachten. Er wußte, wo sie ihre Höhlen hatten und wo sie ihre Nahrung suchten. Jakob hatte ihm einmal erzählt, daß es vor 50 Jahren hier keine Krebse mehr gab. Man hatte damals viel Chemie, Dünger, Herbizide und Pestizide auf die Äcker geschüttet, das Grundwasser und die Bäche und Flüsse waren giftig geworden. Als das aufhörte, weil erst niemand mehr Geld hatte um solches zu kaufen, und dann alle wußten, daß die Chemie aus Todesfabriken stammte, - der Stickstoff aus der Schießpulverfabrikation und die Pestizide aus dem Giftgas der Kriege, - da kamen die Störche wieder und die Krebse, die Zeigewesen der gesunden Natur, so wie die Brennessel etwa zeigte wo Eisen fehlte.

Es war leicht schwül geworden, in der Ferne zogen Wolken auf und er wäre gerne geblieben, um Krebse zu fangen. Das ging bei diesem Wetter am besten. Oft schon hatte er viele gefangen und zur Küche gebracht. Dann gab es am nächsten Tag Krebssuppe die sehr beliebt war. Doch jetzt war keine Zeit dazu.

Er kam an den ersten der Fischteiche, die wie ein spiegelnder Kranz die Schule umringten. Schwalben segelten mit offenem Schnabel durch die Mückenschwärme und ab und an liefen Kreise über die Wasseroberfläche da, wo die Fische nach Luft schnappten. Jakob saß am Teichrand und schien auf ihn zu warten. Sie gingen zusammen weiter. Die Glocke hatte aufgehört zu läuten, das hieß, daß noch eine viertel Stunde blieb bis zur Mahlzeit.

"Kommst du voran ?", fragte Jakob ihn.
"Es geht. Ich denke in fünf Tagen habe ich es geschafft".
"Bist du hungrig ?"
"Ja. Schrecklich," antwortete Olaf.
"Verzweifelt ?" Danach hatte Jakob vorher nie gefragt, dachte Olaf. Es schien an den vorher gehenden Tagen so, als ob die Tiefpunkte und Mühsal für den Lehrer ganz uninteressant waren.
"Nein, nicht mehr. Das ist vorbei." Olaf dachte an seine Entdeckung. Die Geduld. Und wie er schon ein wenig gelernt hatte Geduld zu haben.
"Gut. Du kommst weiter." Das war alles, was Jakob dazu sagte. Olaf spürte aber, daß er froh war darüber. Er war dem Lehrer für vieles dankbar, und es war schön, ihm eine Freude machen zu können.

Nachmittags ging er den Weg wieder zurück. Der Hackenstiel drückte auf der Schulter, der Bauch war angenehm voll mit Pellkartoffeln, Quark und süßen, geschmorten Mohrrüben, das Gewitter hing immer noch in der Luft. Es war warm und stickig und seine Gedanken waren jetzt nicht mehr so zufrieden mit den heren Überlegungen zur Geduld. Lieber säße er jetzt auf einem Traktor, würde die restlichen Reihen schnell jäten und dann am Bach ausruhen. Na, ja. Zum Können gehört halt üben, üben und nochmals üben. Er schlief fast im Gehen ein, so müde waren die Augenlider. Am Feldrand mußte er sich zwingen, um die Reihe zu suchen, wo er aufgehört hatte. Zwar würde ihn niemand strafen, wenn er jetzt eine Pause machte, aber das Vertrauen, ihn hier allein arbeiten zu lassen, hatte ihn gefreut und er wollte es nicht enttäuschen. Wen enttäuschen? Nein, nicht nur Jakob. Sich selbst. Die Verantwortung die er übernommen hatte. Es machte ihn stolz zu denken, daß er nicht weiterarbeitete, weil andere es wollten, sondern weil er selbst es wollte. Etwas leisten wollte. Ausdauer und Geduld haben. Mühen ertragen. Wie Sven Hedin auf seinen Reisen.

Aufstampfen, hacken, Boden lockern, der nächste Schritt. Aufstampfen, hacken, Boden lockern, der nächste Schritt. Ein Rhythmus bildete sich der half. Um vier Uhr kam ein Wolkenbruch. Donner und wilde Blitze zuckten nur drei Kilometer südlich am Himmel. Er hatte es ausgezählt. Noch weit genug entfernt. Das Gewitter zog vorbei. Davor brauchte er keinen Schutz mehr zu suchen, und der Regen machte ihm nichts aus. Schwere Tropfen durchnäßten Hemd und Hose bald. In den Stiefeln quatschte Wasser und nur der Kopf blieb warm und trocken unter der schwarzen Schirmmütze. Die matschige Erde blieb in Klumpen an der Hacke hängen und er gab auf. Schade. Jetzt fühlte er sich so mutig, daß er gerne Tag und sogar Nacht weiter gehackt hätte.
 
 

 

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